Ewald Lochner im Gespräch über das Maßnahmenpaket Gumpendorfer/Westbahnhof
Shownotes
In dieser Folge spricht Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien, über das umfassende Maßnahmenpaket Gumpendorfer/Westbahnhof. Im Fokus stehen die Analyse der aktuellen Problemlagen rund um offene Handels- und Konsumszenen und das daraus abgeleiteten sieben Punkte Maßnahmenpaket – von sicherheitspolizeilichen Interventionen über Anpassungen im öffentlichen Raum bis hin zur Weiterentwicklung der Substitutionsbehandlung und mobilen Sozialarbeit.
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00:00:04: Intro Willkommen bei Sozialpsychiatrie auf Wienerisch – eine Gesprächsreihe der Psychosozialen Dienste in Wien. Wir liefern Einblicke in die psychosoziale Versorgung mit Fachwissen aus erster Hand und Detailtiefe statt plakativen Schlagzeilen.
00:00:28: Tatjana Gabrielli Hallo, mein Name ist Tatjana Gabrielli und ich freue mich sehr, dass ich heute Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht und Drogenfragen der Stadt Wien, bei mir begrüßen darf, um ein bisschen Klarheit zu bekommen. Lieber Ewald, du hast letzten Herbst eine Reihe von Maßnahmen angekündigt bzw. angekündigt, dass es Veränderungen geben wird im öffentlichen Raum. Was hat sich denn seitdem getan?
00:00:56: Ewald Lochner Erstens, herzlichen Dank und Hallo. Es hat sich sehr viel getan und es war ein längerer Prozess. Ich habe ja im Herbst angekündigt, dass die Situation rund um den Gumpendorfer Gürtel aber sowohl sechsten Bezirk wie auch in den 15. Bezirk hinaus einfach nicht zufriedenstellend ist und für uns auch nicht annehmbar ist. Und dass wir an einem Maßnahmenpaket arbeiten, das möglichst dauerhaft und möglichst langfristig hält. Jetzt hat das doch seine Zeit gedauert. Ich denke aber, wenn ich heute erzählen kann, wie viele Maßnahmen das sind und worum es sich da dreht, wird man auch verstehen, warum es so lange gedauert hat.
00:01:18: Tatjana Gabrielli Vielleicht noch vorab; du hast es jetzt selber gesagt: Die Lage vor Ort ist nicht zufriedenstellend. Was genau ist denn so schlimm daran? Jetzt wissen wir: in der Zeitung steht viel, Anrainer*innen- und Beschwerdelage sind vorhanden. Wir wissen aber auch, dass sich viele Kritikpunkte vielleicht als Projektionsflächen anbieten. Wie hast du die Situation wahrgenommen? Was sind denn die Problempunkte oder die Ursachen?
00:01:41: Ewald Lochner Also meine Aufgabe – unsere Aufgabe – ist es eben immer zu schauen. Erstens einmal: wie ist die Evidenz dort, was ist die Problematik und was ist die Ursache dieser Problematik, um eben dann Lösungen zu erarbeiten. Die Ursache der Problematik ist, dass sich seit rund zwei Jahren, zweieinhalb Jahren, begonnen hat rund um die U-Bahn-Station Gumpendorfer Gürtel und auch im Fritz-Imhoff-Park eine sogenannte Handelsszene zu manifestieren. Was ist das? Das sind Leute, die dorthin kommen, um entweder illegale Substanzen oder auch Medikamente illegal zu verkaufen und wir wissen einfach – und das ist jetzt in der Suchtarbeit Common Sense und wird auch in ganz Europa so gehandhabt – dass Handelsszenen sich am besten nirgendwo in einer Großstadt örtlich manifestieren, sondern dass sie möglichst immer in Bewegung zu halten sind. Warum? Weil eine Handelsszene, die sich irgendwo an einem Ort manifestiert, erstens noch mehr Handel anzieht, gilt auch hier das marktwirtschaftliche Prinzip. Das bedeutet: Stellt man sich vor, ich bin jemand, der irgendwie grundsätzlich aus dem Wiener Umland kommt und gern irgendwelche Substanzen verkaufen möchte. Und ich weiß, es gibt einen Ort in Wien, wenn ich dorthin geh, werde ich von meinen Substanzen ganz schnell sehr viele verkaufen und damit relativ viel Geld verdienen. Dann es ist klar, dass ich sehr schnell dort hingehen werde. Wenn es diesen Ort als Ort nicht gibt, dann ist das wesentlich schwieriger. Genauso ist es so – und das ist leider eine Konsequenz aus dem Handel oder aus dem Manifestieren an einem Ort, einer Handelsszene – dass dort eben dann auch Menschen angezogen werden, die was kaufen, selbstverständlich, aber eben auch Menschen angezogen werden, die ganz schnell dann dort im Umfeld konsumieren müssen – dass sie das, was sie gekauft haben, auch konsumieren müssen.
00:03:28: Ewald Lochner Jetzt haben wir in Wien die Thematik, dass ein Großteil der Suchtkranken – weil die, die konsumieren, sind suchtkrank – sehr gut wohnversorgt sind und durch diese sehr gute Wohnversorgung im Normalfall immer gegeben ist, dass man im Wohnort oder dort, wo man wohnt, eben auch konsumieren kann. Jetzt kommen aber zu uns nach Wien auch sehr viele Menschen, die eben nach dem Wiener Mindestsicherungsgesetz nicht anspruchsberechtigt sind, hauptsächlich weil ihre Meldeadresse in einem umliegenden Bundesland ist. Und in Wien können die nicht wohnversorgt sein und daher kommt bei solchen Handelszenen auch sehr oft zu einem massiven Konsum in dem Umfeld. Auch das ist ein Grund, warum wir das nicht wollen, dass sich eine Handelszene an einem Ort manifestiert, sondern dass es immer in Bewegung gehalten wird. Das ist auch der Grund, dass die Bevölkerung rund um den Gumpendorfer Gürtel eben wahrnimmt, dass es dort einen offenen Konsum gibt, teilweise im öffentlichen Raum, teilweise auch in den Stiegeneingängen, teilweise auch in den Häusern.
00:04:28: Ewald Lochner Und das ist natürlich inakzeptabel und eben eine Situation, gegen die wir arbeiten müssen. Und daher haben wir uns jetzt entschieden, hier einen Maßnahmenplan mit sieben Punkten zur Umsetzung zu bringen. Und das ist eine Mischung aus Maßnahmen, die einerseits sicherheitspolizeilich sind, das sind auch Maßnahmen, wo es darum geht, den öffentlichen Raum anders zu gestalten. Auch darum, wie gehen wir in Wien in Zukunft weiter mit Substitutionsbehandlung um? Weil das eines der Themen ist, das damit anschlägt. Aber auch ein Appell oder eine Bitte an die Bundesgesetzgeber, hier vielleicht Nachschärfungen vorzunehmen, was manche Dinge betrifft. Tatjana Gabrielli Auf die Substitutionsbehandlung gehen wir dann noch ein bisschen genauer ein, hätte ich gesagt. Aber fangen wir mal mit der Örtlichkeit Gumpendorfer Straße/Gumpendorfer Gürtel an. Was für Maßnahmen werden dort jetzt genau gesetzt?
00:05:24: Ewald Lochner Also das erste ist – und das ist ein Punkt, den wir eben auch dankenswerterweise mit der Wiener Polizei sehr gut besprochen haben und wo die Wiener Polizei gesagt hat, dass sie das umsetzen wird – es wird rund um den Gumpendorfer Gürtel in einem Gebiet, das einerseits ein bisschen in den sechsten Bezirk und vor allem auch in den Fritz-Imhoff-Park reicht, aber eben auch auf den äußeren Gürtel, die dort befindliche Hundezone, den Ausgang der U6 Gumpendorfer Straße im 15. Bezirk betrifft eine sogenannte Schutzzone gemacht. Eine Schutzzone ist gemäß § 36a des Sicherheitspolizeigesetzes eine Zone, wo die Polizei die Möglichkeit hat, Menschen, die in der Gefahr bestehen oder offensichtlich sich so verhalten, dass sie eine strafbare Handlung machen – in dem Fall wäre das eben Drogenhandel etc. – dort wegweisen dürfen.
00:06:13: Ewald Lochner Das heißt, es werden die Personalien von diesen Personen aufgenommen und diese Personen werden weggewiesen. Schutzzone bedeutet, dass eben dort… Es geht darum, dass dort eben schützenswerte Gruppen, wie zum Beispiel im Fritz-Imhoff-Park Kinder, weil dort ein Kinderspielplatz ist, aber eben auch rundherum dort irgendwie schützenswerte Personen, wenn sie die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, geschützt werden. Das ist eine sicherheitspolizeiliche Maßnahme, die das Hauptziel verfolgt, den sich dort manifestierten Drogenhandel wegzubekommen, weil dort der Aufenthalt dann nicht mehr möglich ist,
00:06:45: Ewald Lochner aber auch die Wegweisung möglich ist, nämlich die Wegweisung geht dann bis zu vier Wochen, etc. Es werden aber auch immer die Personalien aufgenommen und die Personalien werden natürlich, sobald eine strafbare Handlung gesetzt wurde, sowieso aufgenommen wird, damit auch eine Anzeige erfolgt. Aber die Personalien werden bei einer Schutzzone auch aufgenommen, wenn die strafbare Handlung … wenn man nur im Verdacht steht, die zu begehen. Und das ändert was, das macht natürlich was aus und es wird dort einfach das Gefüge des Handels verändern.
00:07:14: Ewald Lochner Es wird – und das ist die Übereinkunft mit der Wiener Polizei – wieder dazu kommen, dass die Handelsszene eben nicht mehr dort sich manifestiert hat, sondern wieder in Bewegung gebracht wird. Und das ist ein ganz, ganz wichtiger Beitrag, damit es dort zu einer Beruhigung kommt, weil infolgedessen auch der Konsum im öffentlichen Raum dort zurückgehen wird und eben dann damit eine Lösung für diesen Raum bestehen wird.
00:07:37: Ewald Lochner Wichtig bei der Schutzzone ist zu sagen, dass die betroffenen Patient*innen, die suchtkrank sind, weiter jederzeit die Möglichkeit haben, zu den Angeboten, der Ambulanz zum Beispiel, des Jedmayers zu kommen. Das bedeutet, das ist der $ 36a im Absatz 3: Wenn jemand ein berechtigtes Interesse anmelden kann, wo hin zu müssen, dann darf diese Schutzzone durchquert werden, auch wenn eine Wegweisung bestanden hat.
00:08:07: Ewald Lochner Aber der Unterschied liegt eben darin, dass das ein zügiges Durchqueren sein muss und kein Aufenthalt dort in der Schutzzone. Weil das Problem ist ja der Aufenthalt. Das Problem sind ja nicht Menschen, die von der U-Bahn-Station direkt zum Beispiel in die Ambulanz des Jedmayers gehen oder ins Tageszentrum des Jedmayers gehen, sondern das Problem sind Menschen, die das nicht tun, sondern sich dort aufhalten und eben dann auch Handel betreiben.
00:08:31: Ewald Lochner Die Schutzzone geht eben bis raus in den 15. Bezirk, am äußeren Gürtel. Es wird auch so sein, dass dort im Rahmen dessen mit den Wiener Linien umfangreich gesprochen worden ist, dass sie in der U-Bahn-Station auch die Security verschärfen werden, sodass es dort nicht zu einer Verdrängung kommt. Vielleicht allgemein zu dem Thema Verdrängung, weil
00:08:51: Ewald Lochner das ist natürlich ein Thema und das muss man sich anschauen. Wir haben eingerichtet eine eigene Arbeitsgruppe, die einmal in der Woche ab jetzt tagt. Diese Arbeitsgruppe besteht eben aus der Polizei, sie besteht aus den Einrichtungen der Wiener Linien, neben der Suchthilfe, etc. , um sich Wien-weit genauer anzuschauen, wie sich die Situation aufgrund dieser Maßnahmen, die wir dort jetzt setzen, rund um den Gürtel, also den Gumpendorfer Gürtel, wie sich dort die Situation auf anderen Plätzen in Wien verändert, sodass wir, wenn wir merken, dass es zu einem Verdrängungseffekt kommt, auch sehr schnell reagieren können.
00:09:27: Tatjana Gabrielli Das war ein sehr guter Überblick. Jetzt hast du's aber eh auch schon angesprochen, dass Klient*innen, die jetzt nicht zügig durch die Schutzzone gehen, sondern sich aufhalten und jetzt wissen wir schon: die großen Fische oder Dealer*innen sind jetzt nicht unsere Klient*innen, aber natürlich können die auch in einer Situation sein, wo es ausschaut, als würden sie handeln oder kaufen oder besitzen.
00:09:53: Tatjana Gabrielli Wie will man damit umgehen, dass es dann doch zu einer entweder Stigmatisierung unserer Klient*innen und Patient*innen kommt oder tatsächlich, dass sie dann vorverurteilt bzw. durch Vorurteile der Polizei dann Betretungsverbot kriegen, weil sie halt einfach marginalisierte Personen sind, die sich im öffentlichen Raum aufhalten? Ewald Lochner Na ja, grundsätzlich stellt sich die Frage, ob Klient*innen sich halt, wenn sie ausschließlich suchterkrankt sind und zum Jedmayer wollen, sich irgendwie dort in dem Areal, bevor sie ins Jedmayer gehen, aufhalten müssen und was da ihr Interesse ist.
00:10:31: Ewald Lochner Unser Job ist es, als Stadt Wien dafür zu sorgen, dass suchtkranke Menschen die Möglichkeit bekommen, erstens medizinisch gut versorgt zu sein, unter anderem, weil wir haben insgesamt 36 Standorte in ganz Wien, unter anderem eben auch in der Ambulanz vom Jedmayer. Ein weiterer Auftrag ist es, dass wir den suchtkranken Menschen eine Möglichkeit bieten, dass sie sich gefahrlos und stigmatisierungslos aufhalten können.
00:10:54: Ewald Lochner Das können sie. Sie können das im Tageszentrum, im Jedmayer. Und selbstverständlich ist der öffentliche Raum grundsätzlich für alle dort. Das ist schon klar. Nur ein alleiniges Dortstehen ohne jetzt irgendeine Handlung zu setzen, führt nicht zu einer Wegweisung, auch nicht bei der Wiener Polizei. Wir arbeiten da sehr eng zusammen. Unsere Sozialarbeit ist jetzt auch schon sehr eng auf das abgestimmt wird, wird dort noch sehr viel Kommunikationsarbeit leisten, was die Klient*innen betrifft, was das Umfeld betrifft. Ich gehe nicht davon aus, dass das ein Beitrag zur Stigmatisierung ist, sondern ich gehe davon aus, dass jene Patient*innen, die krank sind und Hilfe brauchen, die Hilfe weiter in Anspruch nehmen können, dass wir jene Menschen, die dort meinen,
00:11:36: Ewald Lochner sie müssen Drogenhandel betreiben, einfach dann auch das nicht mehr können, weil darum geht‘s, weil wir sind einfach auch dazu da, das ist unsere Aufgabe, dass das Gesetz eingehalten wird und dass es dort zu einem möglichst guten Nebeneinander kommt. Und das schaffen wir. Oder versuchen wir mit diesen Maßnahmen zu schaffen. Das ist ja nur die erste Maßnahme von sieben insgesamt.
00:11:57: Tatjana Gabrielli Ich höre da auch raus, dass sich im Vorhinein sehr viele Gedanken gemacht wurden, wie man da gute Kooperationen haben kann, damit eben Patient*innen und Klient*innen und auch Mitarbeiter*innen gut damit umgehen können. Was sind denn die weiteren Maßnahmen? Ewald Also als zweite, eher im Sicherheitsbereich angesiedelte Maßnahme, wird es rund um den Westbahnhof und den Christian-Broda-Platz ein Alkoholkonsumverbot geben. Wir reagieren damit jetzt also sowohl mit der Schutzzone rund um das Jedmayer wie auch mit dieser Alkoholkonsumverbotszone rund um den Westbahnhof einfach auf die unterschiedlichen Zielgruppen, die sich dort aufhalten.
00:12:35: Ewald Lochner Das Alkoholkonsumverbot um den Westbahnhof ist auch begründet darin, dass sich speziell in dem hinteren Bereich des Westbahnhofs sehr wohl Menschen aufhalten, die relativ viel Alkohol konsumieren und dann dementsprechend im öffentlichen Raum insofern Probleme verursachen, weil damit irgendwie andere Menschen, die gerne öffentliche Verkehrsmittel benutzen möchten, nicht mehr durchkommen oder angepöbelt werden. Wir wissen auch, dass es rund um den Westbahnhof und teilweise auch im Westbahnhof doch auch zu Gewaltdelikten kommt,
00:13:09: Ewald Lochner vermehrt. Wir wissen, dass es dort leider auch in Folge zu Prostitution, etc. kommt. All das sind Dinge, die müssen wir regeln – das ist unsere Aufgabe. Und das ist jetzt in erster Linie die Aufgabe der Polizei. Und die Polizei hat eben gesagt, sie würde dieses Alkoholkonsumverbot, wenn das umgesetzt wird, dann eben auch exekutieren. Mit dem Alkoholkonsumverbot geht eben auch einher, dass dort eine eher ruhigere Situation eintreten soll und dass die Situation rund um den Westbahnhof und auch am Christian-Broda-Platz auch dazu führt, dass das im öffentlichen Raum wieder zu einem eher gedeihlichen Nebeneinander beiträgt.
00:13:46: Ewald Lochner Das ist die zweite Maßnahme. Die dritte Maßnahme ist schon auch eine Maßnahme, wo es uns darum geht, dass wir den öffentlichen Raum wieder etwas besser gestalten. Da geht es darum, dass rund um den Gumpendorfer Gürtel, aber eben auch am Christian-Broda-Platz oder auch hinter dem Westbahnhof es mehr Sauberkeitsmaßnahmen gibt, sei das durch die immer MA 48, aber auch durch die immer MA 42, wenn es darum geht, dass der Grünschnitt wieder zurückgeschnitten wird und dass das eben dort wieder besser funktioniert.
00:14:15: Ewald Lochner Wir werden innerhalb der Suchthilfe Wien die Klient*innen mit so genannten Spritzenentsorgungsbehältern ausstatten. Das bedeutet, dass die Klient*innen das selber mit haben und überhaupt nicht in die Versuchung kommen, Spritzen im öffentlichen Raum zu entsorgen. Hier muss man dazu sagen: Wir haben in Wien mit unserem Spritzenprogramm eine Rücklaufquote von 98 %. Das ist eine extrem hohe Zahl, und das ist auch wichtig und gut.
00:14:39: Ewald Lochner Das funktioniert. Es ist aber jede Spritze, die im öffentlichen Raum gefunden wird, genau eine zu viel. Also insofern versuchen wir da auch entgegenzuwirken. Unsere Straßensozialarbeit und die Kolleg*innen – wir haben ein eigenes Team für die Reinigung rund um den Jedmayer – werden von dort aber auch Outreach machen. Das heißt, sie werden auch hinausgehen. Sie werden helfen bei der Entsorgung von infektiösem Material.
00:15:02: Ewald Lochner Wir glauben gerade, dass am Anfang das noch notwendig sein wird von diesen Maßnahmen, dass wir dort auch den Anrainer*innen besser unterstützen können. Im Fritz-Imhoff-Park wird es eine Veränderung baulicher Natur geben. Es wird aber auch grundsätzlich immer wieder geschaut wird, dass es dort zu einer guten Durchmischung der Anwesenheit kommt. Und ein ganz wichtiger Punkt ist –
00:15:27: Ewald Lochner und da ein Dank auch an den sechsten Bezirk – weil dort auch die Möglichkeit mit einem Zaun geschaffen wird, dass der Fritz-Imhoff-Park in der Nacht gesperrt werden kann. Warum tut man das? Weil wir genau beobachtet haben und auch die Polizei beobachtet hat, dass dort in der Nacht, speziell in den frühen Morgenstunden, einfach ein sehr reger Handel mit illegalen Substanzen passiert und das sozusagen das Tagesgeschehen bestimmt. Das wollen wir nicht mehr,
00:15:49: Ewald Lochner deswegen wird der Park in der Nacht gesperrt. Außerdem ist es so, dass der Zaun die Möglichkeit bietet, wenn Schwerpunktaktionen auch tagsüber gestartet werden, weil dort gehandelt wird, gegebenenfalls auch die Möglichkeit besteht, die Täter*innen tatsächlich zu erwischen, weil natürlich über den Zaun auch noch Eingänge zu besetzen sind, wo das dann funktioniert. Das ist dieser dritte Themenblock, wo es um Sauberkeit und öffentlichen Raum und bauliche Maßnahmen geht.
00:16:14: Ewald Lochner Ganz wichtig ist, und das ist jetzt auch im Rahmen dieser doch längeren Diskussion herausgestellt, dass einfach – und das ist die vierte Maßnahme – bei unterschiedlichen Stakeholdern in diesem ganzen System wahrscheinlich auch pandemiebedingt einfach viel Wissen verloren gegangen ist. Da geht es einerseits einmal um und um den ganzen Themenkomplex „Wie gehen wir insgesamt mit Substitutionsbehandlung um“, aber insgesamt eben mit dem Suchtmittelgesetz.
00:16:41: Ewald Lochner Das sind wir in Kooperation mit der Wiener Ärztekammer, mit der Wiener Apothekerkammer, aber auch mit der Österreichischen Gesundheitskasse und mit der Gesundheitsbehörde, eben der Magistratsabteilung 15 haben wir uns gemeinsam dazu entschieden, einfach wieder praxisnahe Schulungen und Unterstützungs- und Informationsmaterialien weiterzugeben und immer wieder klar zu machen: Was ist qualitätsgesicherte Substitutionsbehandlung? Wie schaut die aus? Was sind die Gesetze, die dahinter liegen?
00:17:07: Tatjana Gabrielli Wo hast du da das Gefühl, dass es nicht funktioniert, dass nachgeschärft werden muss? Ewald Lochner Na ja, es ist einfach so, dass das manche Dinge einfach im Rahmen der Pandemie und nach dem pandemieischen Geschehen einfach aufgrund dessen, dass die Ressourcen nicht vorhanden waren, vielleicht irgendwie Wissen verloren gegangen ist. Also beispielsweise zu wissen: Wenn im Rahmen der Substitutionstherapie ein*e Patient*in nicht so stabil ist, dass die Veränderung der Abgabeform Schutz der Patient*in ist in erster Linie, aber eben auch der Gesellschaft. Sodass eben dann nicht mehr einer längeren Mitgabe möglicherweise damit gehandelt wird,
00:17:43: Ewald Lochner was wieder zu der Konsequenz führt, dass die ganze Substitutionstherapie in Verruf gerät. Aber dazu gibt es in einem Punkt auch noch wie die Optimierung der Substitutionsbehandlung in Wien. Wen wir auch noch mit Wissen oder ein bisschen mehr Informationsmaterial zur Verfügung stellen werden, sind unsere Kolleg*innen von der Wiener Polizei. Das heißt jene Polizist*innen, die auf der Straße sind. Einfach die auch mit Informationen und Infoveranstaltungen gut zu versorgen.
00:18:06: Ewald Lochner Erstens: Was bedeutet dieser ganze Themenkomplex „Substitution“? Und das in Kombination mit dem Suchtmittelgesetz – auch da wissen wir einfach, dass viele Kolleg*innen das gar nicht so genau wissen können. Und deswegen versuchen wir, sie da mit Informationen zu versorgen. Aber auch in unserem eigenen Einflussbereich, in dem ganzen Bereich der Verwaltung; sei das jetzt in den im Bereich der Bezirksbehörden oder seien das auch die anderen Behörden. Einfach auch hier Schulungen anzubieten und Informationen anzubieten.
00:18:35: Ewald Lochner Wie geht man allgemein damit um oder was sind Probleme im Bereich Sucht? Welche Auswirkungen hat das, aber auch wie ist das Beschwerdemanagement hier zentral in der Stadt organisiert, aber auch wie die gesamte psychosoziale oder sozialpsychiatrische Versorgungslandschaft. Das ist die vierte Maßnahme rund um den Themenkomplex „Wissen“. Die fünfte Maßnahme: Da geht es sehr viel darum, dass die Gesundheit und die soziale Integration von den betroffenen Patient*innen gestärkt wird,
00:19:07: Ewald Lochner bzw. dass man genau einen Fokus darauf legt. Das ist einerseits, dass die Soziale Arbeit und vor allem die Mobile Soziale Arbeit jetzt kontinuierlich und mittlerweile tatsächlich neu gestaltet worden ist, was die Strukturen betrifft. Das heißt, es das gibt sie ganz Wien, das ist einmal was ganz wichtig. Das heißt, es gibt in ganz Wien Soziale Arbeit auf der Straße, die sich mit diesem Thema „marginalisierte Personen im öffentlichen Raum“ beschäftigt. Schwerpunkt – und das ist auch neu – psychisch kranke Personen und auch suchterkrankte Personen.
00:19:37: Ewald Lochner Es ist aber auch so, dass es eben diese Sozialarbeit, je nachdem dort, wo der Bedarf höher ist, einfach mit mehr Ressourcen ausgestattet wird. Es ist aber auch so, dass diese Personen oder dass dieser Bereich der Mobilen Sozialen Arbeit eher einen mehrparteilichen Ansatz vertritt. Das heißt, es ist nicht nur so, dass sie die Anliegen der Betroffenen vertreten, sondern auch die Anliegen der Anrainer*innen und auch die Anliegen der.
00:20:02: Ewald Lochner beispielsweise Gewerbetreibenden. Ein wichtiger Punkt in dem Kontext ist einfach, dass hier die Soziale Arbeit ihr Aufgabengebiet erweitert hat, nämlich das Aufgabengebiet rund um das Thema „psychisch erkrankte Menschen im öffentlichen Raum“. Auch da ist es so, dass wir postpandemisch merken – und auch was die unterschiedlichen Krisensituationen weltweit betrifft – dass einfach die Präsenz von Menschen mit psychischen Erkrankungen im öffentlichen Raum immer mehr wird.
00:20:30: Ewald Lochner Jetzt ist das grundsätzlich keine Gefahr, aber trotzdem ist es für die Bevölkerung natürlich unangenehmer. Bzw. ist es so, dass die Bevölkerung daraus Ängste entwickeln kann und dem wollen wir entgegenwirken, indem wir da mit der Sozialen Arbeit eben dort vor Ort sind und immer dort handeln, wo sie ist. Also das ist dieser Themenkomplex rund um Gesundheit, soziale Integration als fünfte Maßnahme. Als sechste Maßnahme ebenfalls ein ganz großer Punkt, nämlich die Optimierung und Neugestaltung der Substitutionsbehandlung in Wien.
00:21:02: Ewald Lochner Hier ist es so: Wir haben in Wien rund 7.000 Patienti*nnen, die in der sogenannten Opioidagonisten-Therapie oder OAT, wie das auch genannt wird, in Behandlung sind. Das ist eine sehr hohe, sehr konstante Zahl. Das ist wichtig. Das heißt, Menschen, die eine Opiatabhängigkeit haben, bekommen hier Hilfe. Die allerallermeisten dieser 7.000 Patient*innen sind bei niedergelassenen Allgemeinmediziner*innen in Substitution und bekommen dort die Medikamente verschrieben, die sie brauchen, um eben auch, weil es sehr viele von denen – rund die Hälfte – ist, eben auch berufstätig, ganz normal ihrer Arbeit nachzugehen.
00:21:41: Ewald Lochner Aber trotzdem ist es so – das ist ein Punkt – dass eben einige Menschen, die im Rahmen dieser Substitutionstherapie sind, die Substitutionstherapie nicht so anwenden, wie das eben vorgeschrieben ist und teilweise auch mit den Medikamenten, die sie verschrieben bekommen, handeln. Und es gilt jetzt eben da insofern einen Riegel vorzuschieben, wenn man sagt: Wir können nicht, weil drei-, vier-, fünfhundert Leute von diesen 7.000 das einfach nicht in dieser Form machen, wie das eben dem Gesetz entspricht und wie das auch richtig ist,
00:22:17: Ewald Lochner die anderen gefährden, dass wir damit die ganze Substitutionstherapie in Verruf bringen. Daher setzen wir Maßnahmen. Beispielsweise ist es so, wenn jemand, der in Substitutionstherapie in Wien ist, beim Handel erwischt wird, egal womit, erfolgt automatisch die Anzeige an die Gesundheitsbehörde, die das ganz schnell weitergibt an die MA 15 und die dann wieder sofort – und das ist innerhalb von einer Woche – beim verschreiben den Arzt anruft und dem verschreiben den Arzt darauf hinweist, dass möglicherweise die Stabilitätskriterien für diese Person nicht gegeben sind.
00:22:51: Ewald Lochner Der*die verschreibende*r Ärzt*in hat dann die Möglichkeit, hier die Abgabeform des Substitutionsmedikaments – man nennt das die Mitgaberegelung – beispielsweise zu ändern und zum Beispiel in den allermeisten Fällen, wenn das gegeben ist und wenn hier wirklich ein Verdacht besteht auf Einnahme unter Sicht täglich in der Apotheke, sodass die Substanz auch aufgelöst wird dort in der Apotheke.
00:23:14: Ewald Das ist deswegen so wichtig, weil manche Patient*innen tatsächlich eben das schon nehmen in der Apotheke, das Medikament aber dann im Mund behalten, wieder ausspucken und dann wieder verkaufen. Also auch dem wird versucht, den Riegel vorzuschieben. Aber es geht auch darum, dass wir die Kolleg*innen aus der Ärzt*innenschaft immer wieder informieren darüber und ihnen klar machen: Es wäre jetzt schon wichtig, sich das anzuschauen.
00:23:38: Ewald Lochner Das bedeutet, dass in dem Moment, wo die Anzeige sozusagen bei der Gesundheitsbehörde ist und der*die Ärzt*in informiert ist, die MA 15 sich automatisch beim nächsten Rezept – weil das kriegt die Gesundheitsbehörde immer, diese Substitutionstherapie – das genau noch mal anschaut und schaut, ob hier eine Veränderung in der Abgabeform passiert ist. Ist das nicht passiert, wird noch einmal Kontakt mit dem*der Ärzt*in aufgenommen.
00:24:00: Ewald Lochner Aber es ist dann auch so weit, dass die Gesundheitsbehörde tatsächlich auch das Rezept sperren kann, weil es natürlich darum geht, dass diesem illegalen Handel einfach einen Riegel vergeschoben wird. Das ist ein weiterer Punkt. Es geht natürlich aber auch darum, dass man gemeinsam noch einmal sich anschaut: Wie sind die Qualitätsstandards? Und wie können wir die Ärzt*innen, die verschreiben, möglichst gut informieren, dass eben auch ihnen bewusst ist, wie diese Stabilitätskriterien zur Anwendung gekommen und wie sie sind?
00:24:28: Ewald Lochner Ein Themenkomplex, den wir hier leider haben, ist, dass Wien halt als einzige Großstadt in Österreich und natürlich mit einer wirklich sehr guten Versorgungslage für Substitutionspatient*innen, was die niedergelassenen Ärzte betrifft, ausgestattet ist. Das bedeutet aber auch, dass aus den umliegenden Bundesländern – vornehmlich aus Niederösterreich – Patient*innen in Wien einfach bei Ärzt*innen einfach substituiert sind. Jetzt ist das grundsätzlich kein Problem und das ist in Ordnung,
00:24:58: Ewald Lochner und es gibt die freie Ärzt*innenwahl und das ist alles gut. Man muss auch verstehen, dass es natürlich, wenn es eine sehr kleingliedrige, ländliche Struktur gibt, dass das auch für die Patient*innen sicher nicht gut ist, wenn die dort versorgt werden würden. Wir verstehen das und das ist auch richtig so, aber jetzt kommt das Aber – wir wissen auch mittlerweile, dass rund die Hälfte der Substitutionspatient*innen aus Niederösterreich in Wien bei Ärzt*innen substituiert sind.
00:25:22: Ewald Das sind rund 1.500. Wir gehen davon aus, dass ein Großteil dieser ganz normal substituiert ist und das gut funktioniert. Es ist aber auch leider so, dass das System, das ich zuvor beschrieben habe, mit diesen Anzeigen gehen von der Polizei an die Gesundheitsbehörde natürlich in Wien nur gilt für Menschen, die die Hauptmeldeadresse in Wien haben. Wenn das in einem anderen Bundesland ist, kann die Wiener Gesundheitsbehörde nicht aktiv werden.
00:25:45: Ewald Lochner Und genau da wollen wir ansetzen, weil natürlich muss dann die Gesundheitsbehörde von dem anderen Bundesland – egal ob das Niederösterreich, Burgenland, Steiermark, was auch immer ist – einfach dann aktiv werden und genau dieselben Maßnahmen setzen, nämlich dem verschreiben Ärzt*innen sagen, dass man sofort den Abgabemodus, wenn’s geht, bitte ändert und die Stabilitätskriterien überprüft. Weil ansonsten kommt es dazu, dass diese Patient*innen, die einer sehr großzügige Mitgaberegelung haben –
00:26:09: Ewald Lochner das heißt, dass für eine Woche das Medikament mitbekommen oder gar für einen Monat – natürlich die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass sie damit in Wien handeln und wir wieder den Handel nicht in den Griff kriegen. Das führt uns dann auch gleich zum siebten Punkt. Also sechster Punkt: „Substitutionsbehandlung“. Siebenter Punkt: auch der Appell oder die Bitte an den Bundesgesetzgebung, an das Gesundheitsministerium.
00:26:30: Ewald Lochner Einfach zu sagen: Wir brauchen eher auch Dinge, wo man sagt, was die Zuständigkeiten betrifft, dass die Behörde gegebenenfalls nicht nur auf die im Rahmen der Meldeadresse, sondern vielleicht auch des Vorfallsorts agieren kann. Also dass man auch Handlungen setzen kann. Wenn eine Handlung in Wien passiert, dass auch die Wiener Gesundheitsbehörde agieren kann. Unabhängig davon, ob die Hauptmeldeadresse der betroffenen Person nicht in Wien ist, sondern woanders, weil das natürlich.
00:26:56: Ewald Lochner entscheidend wäre. Überhaupt dann, wenn die Verschreibung der Substitutionstherapie bei einem*r Ärzt*in in Wien passiert. Also man muss sich das noch mal überlegen. Das ist ein bisschen Appell. Da braucht man, glaube ich, eine Adaption auch, der Qualitätskriterien, aber auch der Abgabeformen oder der Leitlinien der Qualitätsstandards für die Substitutionstherapie.
00:27:17: Ewald Lochner Aber wir müssen vielleicht auch uns drüber unterhalten, wie gehen wir insgesamt um bei Patient*innen, die nicht sehr ausgeprägte Stabilitätskriterien haben im Rahmen der Substitutionstherapie, aber trotzdem nicht wohnortnahe oder zumindest halbwegs wohnortnahe versorgt werden können? Weil das sind natürlich Patient*innen, die dann, wenn sie aus dem Umland kommen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, doch ein, eineinhalb Stunden irgendwie verbringen müssen.
00:27:42: Ewald Lochner Und das ist ein Thema, wo man drüber nachdenken muss, wie können wir das anders lösen und wie können wir möglicherweise die Versorgung auch in den Bundesländern damit sicherstellen? Ja, das ist dieses Maßnahmenpaket von sieben Punkten. Wie man sieht, ist es sehr umfangreich. Wie man sieht, kann man sich vorstellen, dass das sehr viele Verhandlungen und sehr viele Gespräche mit unterschiedlichen Stakeholder*innen gebraucht hat.
00:28:04: Ewald Lochner Wir sind aber davon überzeugt, dass, wenn wir nur das jetzt konsequent umsetzen, dass sich die Situation rund um den Westbahnhof / Gumpendorfer Gürtel, aber auch in dem Bereich des 15. Bezirks doch eklatant verbessern wird und gegebenenfalls, wenn das nicht der Fall ist – wir werden das kontinuierlich evaluieren – werden wir noch weitere Maßnahmen setzen. Outro Das war Sozialpsychiatrie auf Wienerisch. Einblicke, die sonst oft fehlen. Jetzt abonnieren für mehr Gespräche mit Expert*innen aus Psychiatrie, Sucht- und Drogenarbeit und sozialer Praxis.
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